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Neues Deutschland: Interview mit Prince Kum’a Ndumbe III

Interview mit Prinz Kum’a Ndumbe III. über Kolonialismus, Kriege, Vorurteile und noch geschlossene Schatzkammern, zuerst veröffentlicht in Neues Deutschland am 22.12.2007. Das Interview führte Karlen Vesper.

Prinz Kum’a Ndumbe III. über Kolonialismus, Kriege, Vorurteile und noch geschlossene Schatzkammern
Er ist Throninhaber in Kamerun und Professor - Prinz Kum’a Ndumbe III. (Jg. 1946) aus dem Königshaus der Bele Bele. Er ist ein Grenzgänger. Er machte in München sein Abitur, promovierte an der Université Lyon in Geschichte, habilitierte an der FU Berlin und lehrte am dortigen Otto-Suhr-Institut zehn Jahre Politologie. Er schreibt Essays, Theaterstücke, wissenschaftliche Abhandlungen und politische Streitschriften. Elf Manuskripte verfasste er in Deutsch, doch kein deutscher Verlag interessierte sich, erst das kleine Editionshaus Exchange & Dialogue hat sich dieser jüngst angenommen. Der Vizepräsident des Schriftstellerverbandes zentralafrikanischer Staaten plädiert für den Dialog der Kulturen, für die Eine Welt, für globalen Frieden. Mit Prinz Kum’a Ndumbe III. sprach Karlen Vesper.

ND: Afrika hat dieses Jahr Schlagzeilen gemacht. Westliche Medien wunderten sich über »stolze, selbstbewusste Afrikaner« – ob als Gäste auf dem G8-Gipfel im Juni in Heiligendamm oder Anfang Dezember beim EU-Afrika-Gipfel in Lissabon. Erleben wir ein neues afrikanisches Selbstbewusstsein, Neugeburt afrikanischer Würde?

Afrikanische Würde hat es immer gegeben. Nur, sie wurde von außen bestritten. Mit Beginn der transatlantischen Sklaverei kam die Identifizierung »Schwarz« ist gleich »Sklave« auf. Mit der industriellen Revolution und der wachsenden Nachfrage nach Rohstoffen verstärkte sich der Drang nach Kolonialbesitz, den man sich in Afrika und Asien holte. Europa herrschte und bestimmte, der Weiße war der Herr, der Asiat und der Afrikaner galten als von Gott und der Natur bestimmte Bedienstete des Weißen. Die Theorien von Gobineau über die Ungleichheit der Rassen im 19. Jahrhundert wurden dann zum ideologischen Fundament des Kolonialsystem.

Afrika erlebt in der Tat eine Renaissance, seinen zweiten Unabhängigkeitskampf. Und der Westen sollte anerkennen, dass die afrikanischen Völker sich selbst definieren, allein entscheiden wollen, welche politischen Systeme sie sich wünschen und wofür sie sich einsetzen wollen.

Aber wenn sie sich dabei gegenseitig bekriegen?

Die von den Kolonialmächten festgesetzten Grenzen…

…mit Stift und Lineal willkürlich auf dem Zeichenbrett gezogen…

… und lange Zeit als unantastbar, sakrosankt auch von der OAU akzeptiert, haben sicher für eine gewisse Stabilität gesorgt, sind heute jedoch de facto überholt. Eine viel stärkere Rolle als künstlich definierte Grenzen spielt die Identifikation über Geschichte, Kultur, Lebensart und Weltanschauung.

Rassismus tötet. Rassismus ist ein Verbrechen. Das betonen Sie immer wieder. Aber gibt es auch afrikanischen Rassismus?

Der Krieg zwischen Israel und den arabischen Staaten hat wenig mit »Rasse« zu tun. In Kosovo sprach man von »ethnischen Säuberungen«; man fragt sich: Wer sind denn hier die zwei »Rassen«, die unversöhnlich sein sollen?

In Ruanda ist die Bevölkerung zu über 90 Prozent christlich. Tutsi und Hutu sprechen die gleiche Sprache, pflegen die gleiche Kultur, die gleichen Traditionen und dennoch kam es zu einem Völkermord mit fast einer Million Toten innerhalb von kaum drei Monaten. Warum? Hutu bedeutet ursprünglich Ackerbauer, Tutsi Viehzüchter. Es wurde jedoch im Namen der »Rasse« gemordet. Und dieses Morden ging soweit, dass der Mann seine eigene Frau umbrachte, nur um zu beweisen, dass auch er, wie verlangt, gnadenlos »Ungeziefer ausrottet«.

Sie haben solche Tragödien schon 1970 sehr eindringlich und emotional bewegend in Ihrem Stück »Kafra – Biatanga« beschrieben.

Es ist ein Lehrstück über die Konstruktion von Kriegen: Biafra in Nigeria, Katanga im Kongo. Heute Irak. Es ist immer das gleiche Muster, nach dem Meinungen manipuliert, Feindbilder produziert werden. Die Begriffe »Rasse« und »Ethnie« werden nur benutzt, um Menschengruppen auszusondern, auszugrenzen, »auszurotten« – mit Hilfe moderner Technologie und mit Hilfe der Medien.

Sie haben oft harsche Kritik an deutschen Medien geübt.

Das ist wahr. Können Sie sich vorstellen, wie das ist, wenn man als Afrikaner, kaum dass man deutschen Boden betreten hat, schon auf dem Flughafen, an Kiosken, von den Titelseiten der großen Zeitungen und Magazine, mit Schlagzeilen wie »Der Elendskontinent« oder »Schwarzer Holocaust« konfrontiert wird? Afrika wird immer nur verknüpft mit Krieg, Hunger, Aids. Nur Tragödien, ständig irgendwelche Katstrophen. Und die Wirtschaft schrumpft. In Deutschland erfahre ich, dass ich aus einem blutrünstigen Kontinent komme, der nur die Sprache der Gewalt kennt, wo schon barfüßige, rotznäsige Kinder martialische Krieger sind. Das weinende Afrika schreit mir von Plakaten in der U-Bahn entgegen. Und vom ZDF werde ich belehrt: »Alle Kondom-Kampagnen sind ein Kampf gegen Windmühlenflügel.« Damit die Botschaft auch glaubwürdig ankommt, lässt man Einheimische in deutsche Mikrofone schluchzen: »Ein Schwarzer kann für sich selbst nicht verantwortlich sein.« Ein Kameruner wünscht sich vor laufender Kamera: »Ach wären die Deutschen doch hiergeblieben!«

Sie haben auch ein Stück mit dem Titel »Ach Kamerun! Unsere alte deutsche Kolonie …« verfasst.

Eine Kolonialsatire, die auf authentischen Ereignissen basiert. In der Publikation des Stücks sind die historischen Dokumente angefügt. 1884 schloss das Deutsche Reich »Schutzverträge«, die auf eine Einverleibung Kameruns hinausliefen. Der gute Glaube der Kameruner in die Deutschen wurde bitter enttäuscht. Sie wurden betrogen. Während die einen den bewaffneten Widerstand aufnahmen, riefen andere den Deutschen Reichstag an, vertrauten Recht und Gesetz. Es wurde ihnen nicht gelohnt, sie wurden von ihrem Grund und Boden gejagt und enteignet.

Innerhalb eines Jahres waren jetzt im deutschen Fernsehen so viele Spielfilme über Afrika, zur Kolonial- oder Weltkriegszeit, wie noch nie zu sehen – abendfüllende und mehrteilige, mit Starbesetzungen, z. B. Iris Berben oder Heiner Lauterbach. Und in einem Streifen wurde gar Lettow-Vorbeck als Mann der Ordnung angerufen.

Der Kommandeur der deutschen »Schutztruppe« in Kamerun, der Schlächter der Herero. Ja, es ist erschreckend, wie die Bilder aus der Kolonialzeit, die Vorurteile und Klischees fortleben.

Wir Schwarzen haben wirklich Glück, dass die Weißen bereit sind, uns zu helfen, uns von unseren Gewaltinstinkten zu heilen und unseren Sexualtrieb zu bändigen, damit wir weniger Kinder und kein Aids kriegen. Wir sollten dankbar sein, wie sie uns helfen, unsere Unabhängigkeit zu revidieren.

Sie können keine uneigennützigen Motive erkennen? Warum fliehen viele Afrikaner den Kontinent?

Von einem chinesischen Freund lernte ich: »Von dreißig Möglichkeiten, einer Gefahr zu entkommen, ist Wegrennen die beste.« Ja, viele von uns rennen weg, weg von der Heimat und finden doch nirgends wieder eine. Jeder Mensch braucht aber eine Heimat. Wie verzweifelt muss jemand sein, der die seine verlässt.

Aus wirtschaftlicher Not?

Ich will nicht alle Missstände in Afrika auf die Kolonialzeit zurückführen, aber wir leiden bis heute an ihr. Noch heute werden vornehmlich die begehrten Kolonialprodukte wie Baumwolle, Kautschuk, Kaffee, Kakao, Bananen usw. angebaut. Kamerun baut sehr viel Kaffee an, die Wirtschaft des Landes hängt vom Kaffeepreis ab. Kameruner selbst trinken aber vornehmlich Kräutertees. Dafür wurden aber keine großen Plantagen angelegt, nur für die Bedürfnisse der europäischen Bevölkerung. Zugleich haben wir Absatzmarkt für europäische Industrieprodukte zu sein. Das ist die koloniale Arbeitsteilung, die 1884 bis 1960, dem Jahr der Unabhängigkeit vieler afrikanischer Staaten, mit militärischer Gewalt erzwungen und abgesichert worden ist.

Und weiter funktioniert?

Ja. Rechtzeitig, noch vor dem »Afrikanischen Jahr«, wurde die Anbindung Afrikas an die europäische Wirtschaft sichergestellt, u. a. mit den 1957 in Rom unterzeichneten Verträgen. Ich gebe zu, auch in Afrika haben nicht wenige diese Anbindung gutgeheißen, weil sie Entwicklungshilfe und Investitionen gebracht habe. Afrikanische Führer, die als Alternative hierzu dem Aufbaus eines afrikanischen Binnenmarktes mit regionalen Wirtschaftszentren Priorität einräumen wollten, wurden als Kommunisten verschrien.

Dann wurden von internationalen Organisationen neue Konzepte entworfen. Man sprach von Strukturanpassungsmaßnahmen. All diese sind aber nicht aus einem inneren afrikanischen Dialog entstanden, und auch sie sind auf die Bedürfnisse der westlichen Welt ausgerichtet. Da muss doch der Afrikaner wegrennen.

Was also tut not?

Die Wirtschaft Afrikas, die seit dem 15. Jahrhundert geprägt war von einer Außenorientierung zu Gunsten Europas, muss sich primär den nationalen und regionalen Bedürfnissen und Erfordernissen widmen. Die Wirtschaft Afrikas muss wieder afrikazentriert werden, damit sie eine entwicklungseffizente Rolle in der kontinentalen und internationalen Wirtschaft spielen kann.

Was sagen Sie zur Nervosität im Westen über das erwachte Interesse Chinas an Afrika? Deutsche Medien warnen schon die Afrikaner: Die Chinesen liefern keine deutsche Wertarbeit.

Im liberalen System ist Konkurrenz angesagt. Und man predigt uns seit Jahr und Tag, wir sollen liberal sein. Wenn die Chinesen kommen, wird die Konkurrenz stärker, das Geschäft belebt sich und das ist doch gut für unsere Bevölkerung. Warum sind die Europäer erstaunt darüber, dass wir die Chinesen willkommen heißen?

Die deutsche Bundeskanzlerin hat auf dem G8-Gipfel Finanzhilfe für Afrika von der Bekämpfung der Korruption abhängig gemacht. Ist das anmaßende Bevormundung?

Korruption ist wie Krebs, sie ruiniert alles, frisst alles auf, was das Volk schafft. Nur muss man sich ebenso fragen: Woher kommt diese Korruption? Auch sie ist ein Erbe der Kolonialzeit. Man kann ein Volk nicht kolonialisieren, ohne einige Leute dieses Volkes zu korrumpieren. Und in vielen Fällen haben wir heute noch Leute an der Macht, die nicht Volkes Wille bestimmt hat, sondern ausländisches Interesse. Da braucht es also wieder Korruption. Man sollte mutig genug sein, das alles zu diskutieren. Korruption ist geschichtlich bedingt. Wir müssen sie stoppen, sie ist ein Übel, sie hemmt unsere Entwicklung, verschlingt Gelder, die wir bitter nötig haben.

Afrika ist die Wiege der Menschheit. Die afrikanische Urmutter, von der wir alle abstammen, straft die Rassisten Lügen.

Afrika hat der menschlichen Zivilisation sehr viel geschenkt. Und kann noch viel mehr geben. Das Erbe ist da, wird behütet von den alten Weisen. Sie sagen aber: »Wir machen euch die Türen nicht auf zu unseren Schätzen, denn ihr seid nicht würdig. Wenn wir unsere Türen öffnen, dann werdet ihr wieder alles kaputt machen.«

Ich wiederum sage: Afrika ist im Kommen. Afrika ist im Aufbruch. Afrika ist die Zukunft. Afrique – Avenir.

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