Tagung: Rassismus in den Lebenswissenschaften
Am 2./3. Dezember organisiert die AG gegen Rassismus an der Universität der Künste Berlin eine Tagung zum gegenwärtigen Rassismus in den Lebenswissenschaften. Die Tagung findet in Kooperation mit AfricAvenir statt.
am 2./3. Dezember, ganztägig 10-18 Uhr, Universität der Künste, Hardenbergstr. 33. Raum 158. Nähe U/S-Bhf. Zoologischer Garten
Ein interdisziplinäres Seminar im WiSe 2004/05 erregte Aufsehen: Prof. Andreas Elepfandt vom Institut für Biologie an der Berliner Humboldt-Universität behauptete die biologische Existenz von „Menschenrassen“ und von genetisch determiniertem rassistischen Verhalten. Der folgende Versuch einiger Student_innen hierüber eine universitäre Auseinandersetzung anzustreben wurde zum Lehrstück institutioneller Abwehrstrategien seitens des Instituts für Biologie, der Fakultät und des Vizepräsidiums.
Das Beispiel zeigt, dass trotz unzähliger kritischer postkolonialer Positionen von einer Kontinuität biologistisch gedachter “Rasse“-Konzepte in den Lebenswissenschaften (Humanmedizin, Biologie, Genwissenschaften, Pharmazie, Biochemie etc.) gesprochen werden muss, die derzeit mit neuen Argumenten begründet werden.
Im Herbst letzten Jahres wurde von Dr. Peggy Piesche und Dr. Susan Arndt der erste Kongress zur kritischen Auseinandersetzung mit „Rasse“ im deutschen Kontext organisiert, der einen umfassenden Überblick zur Relevanz der Kategorie gegeben hat. Die Tagung zu Rassismus in den bundesdeutschen Lebenswissenschaften im Dezember 2006 knüpft daran an und soll eine Reflexion von Rassismus in einem gesellschaftlich wirkmächtigen Bereich etablieren, in dem kritische Positionen nahezu unsichtbar gemacht werden.
Die zahlreichen bundesdeutschen Debatten um die “Rasse”-Theorien des 19. Jahrhunderts, die erneute Verwissenschaftlichung dieser Theorien im 20. Jahrhundert, deren eliminatorische Auswirkungen im Nationalsozialismus und die neueren Untersuchungen der Genetik haben auch weitreichende Kontroversen um die Legitimation von “Menschenrassen”- Konzepten innerhalb lebenswissenschaftlicher Diskurse zur Folge gehabt. Dennoch sind diese Wissenschaften weiterhin vom Denken in biologistisch inspirierten “Rasse”-Kategorien bestimmt: Während die einen offen von der Existenz von „Menschenrassen“ sprechen, weichen andere auf Begriffe wie „ethnische Zugehörigkeit”, „Metapopulation” oder „Fortpflanzungsgemeinschaft“ aus. Damit wird der vormals explizit biologistischen Konstruktion von Gruppen ein Anstrich politischer Korrektheit verpasst.
Mit der Verknüpfung von postkolonialen Ansätzen, Positionen kritischen Weißseins und feministischer Naturwissenschaftsforschung sollen emanzipativer Positionen unterstützt werden.
Die Tagung ist in drei Blöcke geteilt:
Ein historischer Ausblick wird die Entwicklung des wissenschaftlichen “Rasse”-Begriffes vom Kolonialismus bis ‘45 mit einem spezifischen Blick auf die “Messverfahren” der physischen Anthropologie um 1900geben.
Danach werden aktuelle Debatten und Aspekte zu „Rasse“ und Rassismus in den Lebenswissenschaften (Genetik, Psychologie, Eugenik, Epidemiologie, medizinischen Diskurs) im deutschen Kontext beleuchtet.
Ein dritter und letzter Block wirft anhand des Beispiels Bidil - das erste Medikament nur für Schwarze in den USA - einen Blick auf US-amerikanische Diskussionen um „Race“-Konzepte der Lifescience.
Bisherige Referent_innen:
Susanne Bauer (Kopenhagen), Timm Ebner (Berlin), Sigrid Graumann (Berlin), Christine Hanke (Potsdam), Christiane Hutson (Oldenburg), Carsten Junker (Berlin), Grada Kilomba (Berlin), Oliver Sonntag (Berlin), Timo Wandert (Mainz)
AG gegen Rassismus
Mehr Informationen unter: www.aggr.org
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Veranstaltungsplan:
Samstag 2.12.2006
10.30- 11.00 Einführung (AG gegen Rassismus, Berlin)
11.00- 12.30 Historischer Überblick (Moderation: Sabine Hark)
Timm Ebner (FU Berlin): Biopolitik, Lebenswissenschaften und „Rasse“ – eine deutsche ‚Symbiose’
Das Dispositiv der „Rasse“ steht im Zentrum der (natur)wissenschaftlichen Verfahrensweisen, die mit der Gründung des “Kaiserreichs” beginnen, eine völlig neue - biopolitische - Form von staatlicher Politik herzustellen. Der Vortrag wird mit einigen Facetten die komplexen Kontinuierungslinien dieses Dispositivs von der deutschen Kolonialität bis zum “Volkskörper” im Nationalsozialismus umreißen.
Christine Hanke (Universität Potsdam): Wissenschaftliche ‘Rasse’-Konstruktionen der Anthropologie um 1900
Die physische Anthropologie um 1900 steht unter dem Diktum der “mechanischen Objektivität” (Daston/Galison), die sich in diesem Diskurs als metrisch-statistische Objektivität äußert: Reihenweise werden Körper vermessen, um aus den so gewonnenen Daten mittels statistischer Verfahren ‘Rasse’ und ‘Geschlecht’ zu identifizieren. Mein Vortrag nimmt die spezifische Produktivität dieser neuen Form von Wissenschaftlichkeit im Hinblick auf die eng miteinander verwobenen “boundary objects” (Star/Griesemer) ‘Rasse’ und ‘Geschlecht’ in den Blick. Paradoxerweise wird im Zuge der metrisch-statistischen Objektivität der Anthropologie um 1900 die Evidenz von ‘Rasse’ und ‘Geschlecht’ sowohl hergestellt als auch immer wieder unterlaufen. Welche Möglichkeiten der Wissenschaftskritik ergeben sich aus dieser Analyse?
12.30-13.30 Mittagspause
13.30- 15.30 Genetik
AG gegen Rassismus (Berlin): Rassifizierte Gene- Zum gegenwärtigen Rassismus in den Genwissenschaften
Der Vortag wird einen kurzen Überblick über gegenwärtige Versuche der Rassifizierung in den Genwissenschaften geben.
Dörte Bemme (HU Berlin): Natur vs. Kultur? = „Rasse“ vs. „Identität“?
Der Vortag diskutiert die Co-Produktion sozial-kultureller und populationsgenetischer Konzepte ethnischer Differenz am Beispiel der YHRD Datenbank.”
Christiane Hutson (Oldenburg): Grenzen Körper Narben. Markierung weißer Selbstgespräche über unsichtbar krankhafte Körper
Rassifizierende Strukturen innerhalb gentechnologischer vermittelter Erklärungsmuster für Krankheit sind im weißen deutschen Kontext nicht zu finden – aus weißer Perspektive! Dieser Vortrag zeigt zum einen auf, dass Krankheit in Deutschland rassifiziert wird. Der Fokus liegt dabei auf gentechnologisch (v)ermittelten Erklärungsmustern für Krankheit. Zum anderen stellt er Ansätzen deutscher feministischer Technikanalyse die Frage, inwieweit diese Gen/Technologie als rassifizierende Strukturen reproduzierend (nicht) wahrnehmen.
15.30-16.00 Pause
16.00- 17.30 “Bevölkerungspolitiken” (Moderation: Oliver Sonntag)
Oliver Sonntag (Berlin): Krankheit und Raum - die Projektionslogik der territorialstaatlichen Quarantänepolitik
Seuchendiskurse verweisen weniger auf eine empirische Realität als auf sich selbst und die jeweilige vorherrschende medikale Kultur. Die im seuchenpolizeilichen Diskurs behauptete signifikante Kopplung bestimmter Menschengruppen mit bestimmten Seuchen erlaubt es zu handeln. Handelt der medikalisierte Staat im Angesicht des halluzinierten bevorstehenden Todes, dann als autoritärer und über die polizeiliche Maßnahme der Quarantäne, der räumlichen Absonderung eines Teils der Bevölkerung, wahlweise entlang der Linie von Rasse, Klasse und Nation.
Susanne Bauer (Kopenhagen): Zur Produktion von Differenz in Epidemiologie und Biomedizin
”Race”/”ethnicity” als Wiederauflage biologistischer Kategorisierungen Im Kontext der Genomforschung kommen in der Biomedizin als epistemische Raster vermehrt “Bevölkerungskategorien” zum Einsatz: neben einer Vielzahl von Kategorien wie “Geschlecht” und “Lifestyle” treten dabei auch ”race” und ”ethnicity” auf den Plan. Zum Einen sollen auf diese Weise “ethnische Minderheiten” mitberücksichtigt werden, zum Anderen findet im Kontext von Biomedizin und Lebenswissenschaften aber eine weitreichende Re-Biologisierung sozialer Kategorien statt. Dabei erweisen sich die Biowissenschaften selbst als Unternehmen einer gesellschaftlichen Produktion von Differenz. Der Vortrag geht der Frage nach den biopolitischen Effekten der Differenzproduktion in der Epidemiologie nach und fragt nach Resonanzen mit biologistischen Traditionen.
Sonntag 3.12. 2006
10.30 Zusammenfassung des Vortags (Johanna Kretschmann)
11.00- 12.30 Psychologie (Moderation: Johanna Kretschmann)
Timo Wandert (Universität Mainz): Psychologische Perspektiven auf “Rasse” Eurozentrismus und Rassismus der Psychologie
In der akademischen Psychologie ist seit Jahren ein Trend zu beobachten, die Unterschiedlichkeit psychischer Phänomene nicht mehr durch Sozialisation und Erfahrungen zu erklären, sondern verstärkt auf genetische Veranlagungen zurückzuführen. Werden dabei Charakteristiken auf Gruppenebene miteinander verglichen, ziehen manche PsychologInnen immer noch Mythen der biologisch oder kulturell begründeten Existenz und Verschiedenheit von „Rassen“ heran, um ihre Ergebnisse zu interpretieren. Diese Aktualität und Verwendung des Begriffs der „Rasse“ in der Psychologie steht in einem engen Zusammenhang sowohl mit der eigenen Geschichte, an der ein wissenschaftlich verbrämter Rassismus von Anfang an Anteil hatte, als auch der verwendeten Methodik, die aus sich heraus rassifizierende Forschung nicht ausschließen kann. Dies gilt sowohl für die USA, dem Zentrum der akademisch verorteten Psychologie, als auch für Deutschland, wo „Rasseunterschiede“ zwar weder in der psychologischer Forschung noch in der Praxis eine größere Rolle spielen, aber dennoch in Lehrbüchern thematisiert werden.
Grada Kilomba (psychologist / writer, OSI at the FU-Berlin): No Mask - Remembering Slavery, Understanding Trauma
The mask of speechlessness was used during Slavery, by white masters to prevent enslaved Africans from eating sugar cane while working on the plantations, but its primary function was to implement a sense of speechlessness, insamuch as the sealed mouth was at the same time a place of torture and a place of muteness. The mask raises many questions concerning: slavery/memory/trauma/politics of speaking and silencing.
12.30-13.00 Pause
13.00- 14.00 Kranksein und Schwarzsein (Moderation: Joshua Kwesi Aikins) (nur für Schwarze und People of color)
Christiane Hutson (Oldenburg):Fallstricke und Reißleinen im Knoten von Schwarzsein und Kranksein
Unser Erfahren von Krankheit findet nicht in einem rassismusfreien Raum statt. Basierend darauf entstehen komplexe Erklärungsknoten für Krankheiten die Heilung einerseits und Rassifizierung andererseits eng miteinander verbinden. Wie können wir uns als kranke Schwarze Menschen/ people of color innerhalb dieser Wirrungen positioniert verlautbar machen?
14.00-15.00 Mittagspause
15.00- 16.30 Medizin (Moderation: Kerstin Palm)
Sigrid Graumann (Institut Mensch, Ethik und Wissenschaft Berlin): Parallelen von Eugenik und Rassismus
Der Vortrag wird der Frage nachgehen, was unter einer neuen Eugenik verstanden werden kann. Er stellt Kontinuitäten und Brüche innerhalb der Ideologie und Praxis der „Rassenhygiene“ dar.
Harun Badakhshi (Charité Berlin): „Rasse“ in der medizinischen Fachliteratur
Die Verwendung des Begriffes „Rasse“ wird an fünf Beispielen in gegenwärtigen medizinischen Fachzeitschriften verdeutlicht.
16.30-17.00 Pause
17.00-18.30 USA Debatten/ Vorschläge/ Kritik (Moderation: Daniela Hzrán )
Monika Feuerlein (GenEthischer Informationsdienst Berlin), Carsten Junker (HU Berlin):
Das Medikament BiDil
Dikussionen um Race-basierte Konzepte in den Lebenswissenschaften in den USA 2005 wurde in den USA das Herzmedikament BiDil, das laut Beipackzettel besonders bei AfroamerikanerInnen wirksam sein soll, zugelassen. Anhand dieses Beispiels lassen sich Bedeutungsverschiebungen von Race-Konzepten im Rahmen der Lebenswissenschaften diskutieren. Welche Annahmen von Race werden dabei artikuliert? Wie werden Auseinandersetzungen um Identität und Zugangsrechte unter dem Einfluss der Genomforschung neu geführt?
Ina Kerner (TU Berlin): “Rassische” Klassifikationen jenseits der Lebenswissenschaften
Anmerkungen zur US-amerikanischen PolitikAktuelle Rebiologisierungstendenzen von Race-Konzepten in den Lebenswissenschaften und ihnen angekoppelten Industrien, wie sie sich am Beispiel des Medikaments BiDil zeigen, finden nicht im luftleeren Raum statt. In den USA zählen zu ihrem Kontext sicherlich die staatlich festgelegten Standards für “rassische” und ethnische Klassifikationen. Obwohl deren Autoren jeden anthropologischen Anspruch von sich weisen, und es wenig Gründe gibt, die rein politischen Intentionen zu hinterfragen, die das offizielle Klassifikationssystem leiten, sind die Dinge hinsichtlich seiner Interpretationsmöglichkeiten und damit seiner zumindest potentiellen Effekte schon komplizierter. Es wird zu diskutieren sein, inwiefern die aktuellen Tendenzen in den Lebenswissenschaften eine Zunahme von naturalisierenden Race-Interpretationen auch in anderen Gesellschaftssphären befürchten lassen.
18.30-19.30 Abschlussdiskussion
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Worum geht es inhaltlich ?
Die zahlreichen bundesdeutschen Debatten um die “Rasse”-Theorien des 19. Jahrhunderts, die erneute Verwissenschaftlichung dieser Theorien im 20. Jahrhundert, deren eliminatorische Auswirkungen im Nationalsozialismus und die neueren Untersuchungen der Genetik haben auch weitreichende Kontroversen um die Legitimation von “Menschenrassen”- Konzepten innerhalb lebenswissenschaftlicher Diskurse (Humanmedizin, Biologie, Genwissenschaften, Pharmazie, Biochemie etc.) zur Folge gehabt.
Dennoch sind diese Wissenschaften weiterhin vom Denken in biologistisch inspirierten “Rasse”-Kategorien bestimmt: Während die einen immer noch offen von der Existenz von „Menschenrassen“ sprechen, weichen andere auf Begriffe wie „ethnische Zugehörigkeit”, „Metapopulation” oder „Fortpflanzungsgemeinschaft“ aus.
Damit wird der vormals explizit biologistischen Konstruktion von Gruppen ein kultureller Anstrich verpasst. Der Sache nach werden zahlreiche Diskurse in den Lebenswissenschaften – zum Teil unter Verwendung einer neuen Terminologie – immer noch durch rassistische Anordnungen bestimmt. Gegenwärtige Beispiele für die Kontinuitäten dieses Denkens gibt es viele: Bis 1996 hielt Rainer Knußmann eine Lehrveranstaltung am Humanbiologischen Institut in Hamburg, die den Namen „Rassenkunde“ trug und mit nationalsozialistischen „Rassen-Tafeln“ von 1936 arbeitete ab.
Im Jahr 2004 behauptete der Biologie-Professor Andreas Elepfandt in einem Seminar an der HU Berlin die Existenz von „Menschenrassen“ und die genetische Disposition für Rassismus. Im letzten Jahr wurde in den USA das Herzmedikament BiDil, welches allein bei „Afroamerikanische Menschen“ wirke, zugelassen. Seit einigen Jahren erstellt der Forensiker Lutz Roewer das genetische Landkartenprojekt YHRD, welches DNA-Daten mit den Zusätzen „ethnische Zugehörigkeit“ und „Herkunft“ katalogisiert. In einigen Sperma-Banken werden die Samen in farbigen Röhrchen aufbewahrt – weiß für „caucasian“, schwarz für „africans“, gelb für „asian descent“ und orange für „mixed“. Dies sind nur einige Beispiele, die sich im Rahmen etablierter Forschung abspielen.
Es waren Disziplinen wie die Biologie, die Anthropologie, die Medizin, die historisch gesehen rassistische Diskurse ins Spiel brachten. Die Institutionalisierung dieser Wissenschaften ging einher mit neuen Produktionsverfahren von Wissen, wie sie unter anderen Michel Foucault beschreibt. Wahrheit ist seither untrennbar verbunden mit dem Setting wissenschaftlicher Objektivität. Auf eben diesen autoritativen Objektivitätsanspruch berufen sich lebenswissenschaftliche Institutionen nach wie vor.
Der kulturwissenschaftliche Paradigmenwechsel der letzten Jahre mit seinen weitreichenden epistemologischen Transformationen hat daran nichts geändert. Medizinische, biologische Untersuchungen finden in dieser Konzeption im politischen Off statt, erst die Kritik an solchen Untersuchungen wird als eine politische wahrgenommen. Zwar gibt es innerhalb der Lebenswissenschaften durchaus kontroverse Diskussionen und auch klare Positionierungen gegen das Konzept der „Menschenrasse“ wie zum Beispiel durch den Biologen Ulrich Kattmann. Im Rahmen der Gender studies gibt es Interventionen in lebenswissenschaftliche Bereiche, etwa von der Biologin Donna Haraway.
Dennoch findet sich im deutschen Kontext nur eine sehr marginale innerdisziplinäre Selbstreflexion. Mit dem Verweis auf die Produktion objektiven Wissens wird die Notwendigkeit einer kritischen Überprüfung der eigenen Kategorien und Methoden für unnötig erklärt. Der epistemologische Bruch mit der Vorstellung, dass Wissenschaften schlicht „Tatsachen“ verhandelten, die in einer universalen Weise zu „erkennen“ seien, ist daher eine entscheidende Voraussetzung, um rassistischen Diskursen in diesen Institutionen ihre Hermetik zu nehmen und überhaupt erst für Diskussionen zugänglich zu machen.
Die Ablösung biologistischer Begründungskonzeptionen durch eher kulturalistische hat sich in den meisten Kolonialnationen - Autor_innen der postcolonial theory wie etwa Ann Laura Stoler oder Edward Said zufolge - zum Teil bereits um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert vollzogen.
In Deutschland wurde sie erst in den siebziger Jahren eingeleitet. Wenngleich dieser Prozess heute auch in der BRD abgeschlossen ist, sind biologistische Rassismen keineswegs Geschichte. Zwar sind die Lebenswissenschaften nicht mehr wie früher die zentrale Instanz der Produktion von rassistischen Diskursen; dennoch waren die kulturalistischen Konzeptionen immer von biologistischen Vorstellungen durchzogen und unterfüttert. Die Lebenswissenschaften spielen vor allem über populärwissenschaftliche Adaptionen hierbei immer noch eine entscheidende Rolle.
Dabei geht es uns bei bei der Veranstaltung des Kongresses um folgendes:
1. Ein Einblick in die gegenwärtige Situation und innerfachliche Auseinandersetzung der Lebenswissenschaften soll geliefert werden. Dabei sollen die kritischen Positionen in den Lebenswissenschaften gehöhr finden.Das bedeutet, dass die Auseinandersetzung aus den lebenswissenschaftlichen Standpunkten hervor gehen und unter Einbezug von sozial- und kulturwissenschaftlichen Blickrichtungen geführt werden soll.
2. Eine Auseinandersetzung zwischen den Lebenswissenschaften, der kultur- und sozialwissenschaftlichen Naturwissenschaftskritik und der Postkolonialen Theorie soll angeregt werden. Diese Bereiche sollen miteinander verknüpft werden, um ein umfangreiches und von allen Seiten beleuchtetes Bild der Thematik aufzeigen zu können und differenzierte Möglichkeiten der Kritik zu ermöglichen.
3. Eine Reflexion auf einer gesellschaftwissenschaftlichen und kulturwissenschaftlichen Metaebene soll in die Lebenswissenschaften eingebracht werden. Dieses soll den Lebenswissenschaften, welche oftmals mit dem Paradigma der Objetivität und der Wertneutralität argumentieren, eine (selbst)kritische Perspektive eröffnen.
Wer wird angesprochen?
Uns geht es vor allem um einen Dialog zwischen den verschiedenen Disziplinen. Angesprochen werden sollen Lehrende, Forschende und Studierende der Lebenswissenschaften, der verschiedenen Felder geistes- und gesellschaftswissenschaftlicher (Natur)Wissenschaftskritik sowie der Postkolonialen Theorie und Kritischen Weißseinsforschung. Selbstverständlich wollen wir aber auch für alle Interessierten außerhalb des akademischen Feldes offen sein.Uns ist in erster Linie ein Austausch zwischen den unterschiedlichen Fachdisziplinen wichtig und die Möglichkeit der Diskussion gesellschaftswissenschaftlicher Positionen innerhalb der Lebenswissenschaften. Möglichkeiten eines Zusammendenkens lebenswissenschaftlicher und gesellschaftswissenschaftlicher Perspektiven sollen hier diskutiert werden können.
