Spiritualität und Heilung: eine afrikanische Stimme
Vortrag von Prinz Kum’ a Ndumbe III., gehalten in Berlin am 21. Oktober 2006 im Rahmen des Calumed Kongress zu Spiritualität und Heilung. [Full Text Article, pdf]
Calumed Kongress zu Spiritualität und Heilung
Berlin, 21. Oktober 2006
Spiritualität und Heilung: eine afrikanische Stimme
Prinz Kum’a Ndumbe III., Universitätsprofessor
www.africavenir.org; www.exchange-dialogue.com
Wir werden krank, wenn wir aus dem Gleichgewicht der Schöpfung geraten sind. Wir werden krank, wenn wir uns verloren haben und den Mittelpunkt unseres Selbst und unseres Seins im Universum nicht mehr wieder finden. Wir werden krank, wenn unser Verhältnis zu der Natur und zu den restlichen Teilen der Schöpfung sich derart ändert, dass das neue Verhältnis kein Gleichgewicht des Ganzen wieder zulassen kann. Wir als Menschen sind ja nicht nur Teilhaber und Teilnehmer im gesamten Strom der Schöpfung, wir sind auch selbstwillige Akteure, die immer wieder versuchen, ein neues Verhältnis des Ganzen zu uns selbst herzustellen. Deshalb kann, muss aber nicht, kann also die Verantwortung für das Abgleiten aus dem Gleichgewicht auch in unseren globalen öffentlichen oder privaten eigenen Händen liegen.
Mittelpunkt der Schöpfung und Gleichgewicht des Menschen
Die Schöpfung besteht aus einem unendlichen, für den Menschen kaum erfassbaren, kaum verständlichen, kaum nachvollziehbaren, mehrschichtigen und multidimensionalen Universum. Wir als Menschen sind kleine, winzige Partikel in diesem von so vielen, von uns nicht erforschten, nicht entdeckten, oder nicht erfassbaren, geschweige denn beherrschbaren Sternen des Alls. Wir versuchen, mit unseren bescheidenen Mitteln des Verstandes und der Seele nachzuvollziehen, wo wir sind, was wir da auf dem Planeten Erde erleben, wir versuchen, die Gesetze der Natur und der Schöpfung nach und nach, von Generation zu Generation zu entziffern, nachzuahmen und einzusetzen.
Wir nehmen unsere Gegenwart im Leben wahr, aber gerade in dieser unserer Fähigkeit der Wahrnehmung offenbaren sich unsere Unzulänglichkeit, unsere Begrenztheit, unser eingeschränktes, vergessliches Gedächtnis und unsere Endlichkeit. Wir sind nicht einmal in der Lage, unser Gleichgewicht im Verhältnis zu dem gesamten Universum zu finden. Würden wir diesen Punkt des Gleichgewichts finden, so würden wir nicht nur jenseits von Krankheit unser Dasein im Universum weiterhin fristen, wir würden die Ewigkeit im Sein und im All erreicht haben.
Von der ersten Stunde der Geburt an bis zur letzten Sekunde unseres Ausscheidens aus dem materiellen körperlichen Leben werden uns diese Fragen immer wieder beschäftigen: wo kommen wir denn her? Wo sind wir, befinden wir uns, wo stehen wir, welchen Weg gehen wir denn, wo ist überhaupt unser Weg, und dann, was kommt nachher, danach, wenn wir uns von der Erde, von der Welt verabschiedet haben?
Wir leben mit meist unbeantworteten Fragen, wir leben, indem wir ständig auf der Suche nach Antworten sind, wir tasten oft wie ein Blinder, der seinen Weg sucht, wir tun dies einzeln, aber auch kollektiv in der Gesellschaft, kollektiv in der Menschheit. Gerade weil wir nur tastend den Weg gehen und diesen Weg nur einige Sekunden, Tage, Jahre oder Jahrzehnte gehen können und die Unendlichkeit der Schöpfung während dieser relativ so kurzen Zeit auf Erden gar nicht erfassen können, vermögen wir es nicht, den Mittelpunkt des Universums zu finden und das Gleichgewicht für den Menschen zu erreichen.
Mit unserem eingeschränktem Wahrnehmungsvermögen leben und handeln wir oft so, als wäre der Mensch, vor allem der noch lebende Mensch, als Geschöpf allein auf der Welt oder im Universum, als wäre er der Mittelpunkt der Schöpfung, als hätte er den Auftrag, sich Welt und Universum Untertan zu machen. Unsere Verblüffung vor der Entzifferung mancher Geheimnisse und Gesetze der Schöpfung sowie ihre praktische Anwendung verführen uns zu dieser arroganten Haltung. Wir verlieren dann eine Schöpfung aus den Augen, die wir in ihrer unendlichen Vielschichtigkeit und Vielfältigkeit gar nicht erfassen können.
Irgendwann müssen wir immer wieder erkennen: Wir als Menschen sind wirklich nicht allein, auf dieser Welt nicht, im Universum auch nicht. Da wir aber nur mit einer endlichen Sehweite, einer Hörgrenze, einem eingeschränkten Tastempfinden, kurz gesagt, da wir nur mit sehr beschränkten und endlichen Sinnen ausgestattet sind, neigen wir dazu, nur das wahrzunehmen und als Existenz zu akzeptieren, was sich im Bereich dieser begrenzten Sinneswahrnehmung befinden kann.
Wir tun uns sogar schwer, vor allem in der modernen, industrialisierten Welt, unsere Mitmenschen, die ihren materiellen Körper verlassen haben, weiterhin wahrzunehmen, weil sie sich schon außerhalb unserer eingeschränkten Sinneswahrnehmung befinden. Wir empfinden die gleiche Schwierigkeit, jene, die den materiellen Körper noch nicht angenommen haben und noch nicht geboren wurden, und sich deshalb noch nicht in unserer eingeschränkten Sinneswahrnehmung bewegen, als Teil der Schöpfung wahrzunehmen. Für uns ist es einfacher und nachvollziehbarer, die Existenz erst in der materiellen Form wahrzunehmen und anzuerkennen.
Die Entzifferung der Gesetze des Universums durch das kollektive Gedächtnis der wissenschaftlichen Forschung und durch ihre praktische Anwendung führt uns zu immer neuen Erkenntnissen und Anwendungsmöglichkeiten. Wir akzeptieren dann als wahr und existent, was uns die Forschung bloßlegt, auch wenn diese Erkenntnisse sich außerhalb unseres beschränkten, einzelmenschlichen Wahrnehmungssystems befinden. Wir gelangen jedoch zu dem Bewusstsein der Vielschichtigkeit und Vielfältigkeit des Universums und erkennen, dass wir in der Schöpfung als Gattung Mensch nicht allein sind, dass wir an sich nur Teil der Schöpfung sein können.
Harmonie der Schöpfung, Harmonie von Körper, Harmonie der Seele als Zeichen von Gesundheit und Heilung
Das in ständiger Bewegung und im ständigen Prozess sich befindliche Universum schreitet nach eigenen Gesetzen voran und in dieser Gesetzlichkeit herrscht eine interne dynamische Harmonie. Hier bedeutet Harmonie nicht Stillstand und prozesslose Eintracht, sondern Einklang mit der Gesetzmäßigkeit des Universums oder Einklang mit der Gesetzmäßigkeit im Universum. Auch Vulkanausbrüche, Erdbeben, Überschwemmungen auf der Erde gehorchen dieser Gesetzmäßigkeit. Auch nach solchen für den Menschen katastrophalen Phänomenen, die selber durch ein Ungleichgewicht oder durch einen notwendigen Prozess ausgelöst wurden, kommt es nach einer Zeit zu einem neuen Gleichgewicht, das der Gesetzmäßigkeit des Universums unterworfen ist.
Mit unserem menschlichen Körper erfahren wir Ähnliches. Wenn unsere Organe und Gewebe nach der vorbestimmten Gesetzmäßigkeit funktionieren und nicht in Störung geraten, sind wir gesund, fühlen uns wohl. Wenn Geist und Seele sich dem Universum öffnen und in tiefe Verbindung und Verbundenheit gelangen, gewähren wir der materiellen körperlichen Gesundheit eine Qualität und Dimension, die uns in Harmonie mit uns selbst und dem gesamten Universum bringen. Wenn wir diesen Zustand der Harmonie erreichen und zu bewahren wissen, verlängert sich unser Leben auf Erden entscheidend.
Die Begrenztheit des sich im Prozess befindenden menschlichen Wissens und menschlichen Könnens, wenn sie in ihrer vollen Dimension erkannt worden ist, führt uns notgedrungen zu einem tiefen Respekt vor der Schöpfung. Dieser Respekt, der auch von Bewunderung begleitet ist, versetzt uns auf eine Ebene der Bescheidenheit nicht nur vor der Natur auf diesem Planeten Erde, sondern vor dem gesamten Universum.
Die Erkenntnis über unsere Begrenztheit führt auch zu der Erkenntnis, dass wir Menschen und unser Planet Erde nur Teile der Gesamtschöpfung sind, dass wir also nicht Zentrum, sondern Teil des Ganzen sind. Der Respekt, den wir dem Universum dadurch zollen und die Bescheidenheit, die wir als Menschen ihm gegenüber zeigen, erlauben uns, ein gewisses Gleichgewicht zu erlangen. Mit diesem Gleichgewicht steigern wir unsere potentielle Lebensenergie.
Diese Lebensenergie nährt sich aber auch und vor allem von Liebe, durch welche wir gezeugt werden, Liebe die wir auf unserem Lebensweg brauchen, Liebe, die wir beim Ausscheiden aus dieser Welt auch in den letzten Stunden so nötig haben. Ich weiß, im Zeitalter der Postaufklärung und der technologischen Revolution, in dem der extrem individualisierte, scheinbar selbständige Mensch als Modell gefeiert werden soll, scheint es unangemessen, Liebe als existentiellen Bezugspunkt für das Leben betrachten zu wollen. Aber wir alle wissen es, wer keine Liebe erfährt, findet schwer zum eigenen Mittelpunkt, findet so schwer den Weg zum eigenen Gleichgewicht.
Durch Einbettung in die Schöpfung als ein Teil des Ganzen, der mit Respekt und Bewunderung vor dem Universum zur Bescheidenheit gekommen ist, durch Liebe, die wir in uns und um uns gewähren lassen, durch den Frieden, der uns dann einbettet, gelangen wir zum inneren Gleichgewicht und nähern uns unserem eigenen Mittelpunkt. Unser Körper und unsere Seele genießen dann diesen Zustand der existentiellen Lebensenergie und erfahren ihn als Gesundheit.
Disharmonie und Krankheit
Nur ist es für den unzulänglichen Menschen sehr schwer, den hohen Energiezustand aufrechtzuerhalten, der uns zu dieser harmonischen Stufe gebracht hat. Warum fällt es uns so schwer, diesen Zustand aufrechtzuerhalten?
Wir leben in einer dauernden Ablenkung von den Gesetzmäßigkeiten des Universums, und die industrialisierte moderne Welt fabriziert und unterhält in hohem Masse diese Ablenkung. Ablenkung von uns selbst, Ablenkung von tiefen Einsichten und Erkenntnissen, Ablenkung von anderen Teilnehmern der Schöpfung, Ablenkung von unseren Ahnen und von den noch nicht Geborenen, Ablenkung vom Schöpfer. Mit dieser Ablenkung kommen wir nicht mehr in die Fahrwasser, die uns zu der Harmonie der Schöpfung bringen könnten.
Je mehr wir auch die Gesetze des Universums entziffern und in Anwendung umsetzen, desto stärker geraten wir in die Versuchung, uns selbst für Schöpfer zu halten, uns als Ursprung oder Eigentümer der Macht schlechthin zu verhalten. Wir werden dann von einem Herrschaftssyndrom befallen, lenken alles auf uns als Mittelpunkt, dominieren, terrorisieren Lebewesen, entweihen und zerstören Natur und Umwelt. In diesem Prozess des totalen Herrschaftsanspruchs vernichten wir Leben in unserer unmittelbarsten Nähe, bekriegen andere Gesellschaften, unterjochen fremde Völker, und glauben, einen entscheidenden Vorsprung anderen gegenüber erlangt zu haben.
Dieser Prozess wird von Neid und Hass begleitet, von Vergewaltigung von Menschen und Völkern, von Mord und Vernichtung. Der Mensch und das Leben werden in diesem Zyklus der Gewalt verdinglicht, der Mensch selbst zählt in vielen Situationen nur noch als Nummer. Der Raum ist dann frei für Verachtung, für Ausgrenzung und Einengung, für Klassifizierung und Diskriminierung, für Rassismus, für Massenmord und Genozid, für Ausplünderung und Ausbeutung. Dieser Zustand, für den wir Menschen als Einzelne, als Gruppe, als Lobby, als Gesellschaft, als Völker verantwortlich sind, hat uns von unserem Gleichgewicht weit entfernt, dieser Zustand hat uns um unsere Gesundheit gebracht.
Wir leben dann wesentlich mit Ängsten, Schmerzen, Aggressionen, physischen und psychischen Leiden, wir kommen nicht mehr zur Ruhe, geraten in Perspektiv- und Hoffnungslosigkeit. Unser Horizont wird stark auf unser kleines Leben auf Erden reduziert, er wird sogar noch stärker auf unseren kleinen Alltag eingeschränkt. Das Universum bleibt aber weiterhin in seiner Unendlichkeit bestehen, nur wir sehen das Licht nicht mehr, das da ist und um uns herum das All bestrahlt.
Dieses Licht dringt nicht mehr in uns ein, was die Schöpfung eigentlich vorsieht, weil wir unsere eigene Tür zugemauert haben, oder sie durch irgendwelche Konstellationen vielleicht nur vorläufig zugeschlagen haben oder sie zugeschlagen worden ist. Der Krankheitszyklus etabliert sich dadurch als allwährender Zustand. Wie kommen wir da heraus?
Heilung: Rückkehr zum Gleichgewicht
Die moderne Technologie bietet uns durch vielfältige medizinische Errungenschaften bislang ungeahnte Möglichkeiten, den menschlichen Körper zu erfassen, Ausfallmechanismen zu durchleuchten und Alternativen für Gesundheit zu entwickeln. Durch Globalisierung und neue Möglichkeiten des Informationsaustausches können Ergebnisse der Forschung und Anwendungen der Spitzentechnologie dem Menschen lange Gesundheit gewähren und das Leben entscheidend verlängern. Gesundheit bedeutet aber noch nicht Heilung.
Die Rückkehr zum Gleichgewicht ist die Voraussetzung für die Heilung von Körper, Geist und Seele. Dem modernen Menschen, ob in den Industrienationen oder in afrikanischen Ländern heute, fällt es nicht leicht, diesen Weg zur Rückkehr einzuschlagen. Wir leben in einer ständigen Ablenkungsatmosphäre, benötigen aber den Raum der Stille, der uns erlauben würde, die Verbindung zu uns selbst, zu unseren Ahnen und zu den noch nicht Geborenen, die Verbindung zur Natur und zum gesamten Universum wiederherzustellen.
Wir wandern auf Erden und haben im Alltag die Verbindung zur Muttererde ausgeklammert, aufgehoben oder verloren. Aber gerade diese Muttererde, auf der wir stehen, die Muttererde, in der unsere Ahnen ruhen, verbindet uns mit dem Rest des Universums. Wann gehen wir moderne Menschen schon barfuss? Trommel und andere Instrumente im afrikanischen Behandlungsritual lösen Schwingungen aus, die unseren Körper in einen tanzenden Rhythmus versetzen.
Die Füße stampfen auf den Boden und erwecken die Vorausgegangenen, Arme strecken sich und holen Energie aus dem unendlichen All, diese frei gesetzte Kraft durchdringt Körper, Geist und Seele in einem Reinigungsprozess. Elemente aus Wurzeln, Baumrinden, Pflanzen, tierischem oder menschlichem Blut, Erde, usw. verbinden sich unter Wasserwirkung. Der Körper wird eingerieben, gefertigte Potionen werden geschluckt und verstärken die Dynamik des Öffnungsprozesses. Auf diesem manchmal in Trance abgeglittenen Weg kommen Körper und Seele in die Phase der Begegnung, Begegnung mit sich selbst, mit den Ahnen und noch nicht Geborenen, Begegnung mit dem Universum.
Auf diesem Weg bietet sich die Möglichkeit einer Auseinandersetzung, einer Klärung, die Möglichkeit einer Reinigung und Versöhnung. Aber eben eine Möglichkeit nur, denn Körper und Seele befinden sich dann in einem langen oder kurzen Prozess, der Begleitung bedarf. Mit welcher Kraft wehrt man sich gegen Reinigung und Versöhnung? Auch Heilung ist eben ein Prozess. Eigene Erkenntnisse, eigener Wille, eigene Wahl führen zum Weg oder versperren ihn. Man kann sich für Lebensrettung oder für Lebensvernichtung entscheiden. Der getrommelte Rhythmus schlägt nur ein in den Weg zu der eigenen Entscheidung.
Die Begleitung ermutigt den Tanzenden zur Versöhnung, aber die Entscheidung liegt in der eigenen Hand des zu Heilenden. Will man sich mit seinen Leuten, mit seiner Gesellschaft, mit seinem Volk versöhnen? Will man sich mit seinen eigenen Ahnen versöhnen? Öffnet man die Türen für die noch nicht Geborenen? Will man sich mit sich selbst versöhnen? Bittet man innigst um Vergebung? Überlässt man sich selbst voll und ganz dem Schöpfer, dem allmächtigen und gütigen Gott? Begleitung führt nur in den Weg ein, Heilung liegt in der eigenen Hand. Aber die Gnade Gottes umzäumt diesen Weg zur Heilung. Ohne diese Gnade bleibt der Mensch auf der Strecke.
Für uns Menschen ist Heilung ein Prozess, solange wir auf Erden wandern. Wir brauchen eine tiefe Versöhnung mit uns selbst und mit dem Rest der Schöpfung. Indem wir versuchen, den Weg zum Gleichgewicht des Universums zu bestreiten, nähern wir uns unserem eigenen Mittelpunkt, wir bleiben in Verbindung mit dem Ganzen und kommen unserer eigenen Heilung näher.